Jens Stahnke, Anja Diehl, Dr. Ilka Desgranges, Ministerin Petra Berg, Johannes Hauck (Podiumsteilnehmer:innen und Moderatorin); Foto: Kim Ahrend

AKS-Podiumsdiskussion zu bestehenden und künftigen Vorgaben auf europäischer und nationaler Ebene

Meine Präsentation hat mittlerweile eine Halbwertszeit von nur einigen Tagen“, begann Johannes Hauck, Corporate Affairs Director der Hager Group, seinen Impulsvortrag auf der AKS-Podiumsdiskussion am 24.10.2022 im Saarbrücker East Side Fab. Grund hierfür sei die hohe Dynamik des Themas, nahezu täglich gebe es neue Regelungen. In seinem Impulsvortrag stellte er die Klimaschutzziele der Europäischen Union sowie der Bundesregierung vor und ging auf bestehende und geplante rechtliche Vorgaben für die Sanierung und den Neubau von Gebäuden auf europäischer sowie nationaler Ebene ein. Zentrales Ziel sei die Klimaneutralität Europas bis zum Jahr 2050. Um dies zu erreichen, müssten bis zum Jahr 2050 166 Millionen Gebäude dem Nullemissionshaus-Standard entsprechen. Dabei lägen wir aktuell nicht gut in der Zeit, so Hauck. Laut EU-Fahrplan sollte der Anteil der Nullemissionsgebäude in diesem Jahr bereits bei 20 % liegen. Tatsächlich erfüllten jedoch erst 0,5 % des Häuserbestands diese Anforderungen.
 
‚Es ist noch einiges zu tun‘, lautete das unausgesprochene ernüchternde Zwischenfazit nach Haucks Vortrag. Mut machte jedoch, dass zumindest die technischen Möglichkeiten vorhanden sind.
 
Dem Fachvortrag schloss sich eine Podiumsdiskussion mit AKS-Vizepräsident Jens Stahnke, Ministerin Petra Berg (Ministerin für Umwelt, Klimaschutz, Mobilität, Agrar und Verbraucherschutz), Johannes Hauck und der stellvertretenden Vorsitzenden der Gebäudeenergieberater Saarland, Anja Diehl, an.
 
Zunächst warf Moderatorin Ilka Desgranges die Frage auf, wie man Bauherren und Hausbesitzer erreichen und zum Sanieren bzw. nachhaltigen Bauen bewegen könne. Energieberaterin Anja Diehl zeigte sich überrascht von der Frage. Das Interesse an Sanierungen und energieeffizienten Lösungen sei bei den Bauherren nämlich schon lange vorhanden. Natürlich sei das Interesse durch den Fokus der medialen Berichterstattung nochmals sprunghaft angestiegen. Da das Bedürfnis nach Beratung enorm hoch sei, mangele es derzeit eher an Energieberatern. „Der Wille zur energetischen Sanierung ist ungebrochen“, so Diehl. Als problematisch betrachtete sie hingegen die unbeständige Förderung. Plötzliche Förderstopps schürten Ungewissheit und hätten den ein oder anderen sanierungswilligen Bauherren abgeschreckt. Diese gelte es nun wieder „einzusammeln“.
 
Diskutiert wurde auch darüber, welche Maßnahmen in welchem Zeitraum zu ergreifen seien, um die Ziele der EU zu erreichen. Ministerin Berg war der Meinung, dass auch kleine Maßnahmen, wie beispielsweise Handreichungen zur Energieeinsparung und das Verhalten des Einzelnen, eine wichtige Rolle spielen. Anderer Meinung hingegen war AKS-Vizepräsident Jens Stahnke. Man müsse jetzt „klotzen“ und andere Maßstäbe ansetzen, insbesondere auch städtebaulich. „Es reicht eben nicht nur , die Fußgängerzone um den St. Johanner Markt zu erweitern, sondern es müssen ganz andere Maßstäbe angesetzt werden, sodass wir in 20 Jahren auch etwas bewegt haben“, forderte Stahnke.
 
Insbesondere Diehl und Stahnke waren sich einig, dass es mehr Weitblick in der Debatte braucht. „Nachhaltigkeit fängt nicht damit an, dass wir eine energieeffiziente Heizung oder Vernetzung haben“, betonte Stahnke. Auch die Entwicklung flexibler Grundrisse und Konstruktionen sowie die Wahl der Materialien seien wichtige Aspekte, die ganz früh im Planungsprozess berücksichtigt werden müssten. 
Außerdem müsse die Landes- und Stadtentwicklung langfristiger geplant werden, damit diese auch in Zukunft noch Sinn ergebe. Als Beispiel nannte er die Übermacht der Einfamilienhäuser: „Ich will natürlich niemandem sein Einfamilienhaus auf dem Land wegnehmen, aber ich glaube, es ist ganz wichtig zu sagen: Das war ein Weg, den wir nicht mehr weitergehen.“ Man müsse den Menschen stattdessen alternative Wohnkonzepte aufzeigen. 
 
In der anschließenden Fragerunde wurden Zweifel daran geäußert, ob eine freiwillige Basis ausreiche, um die ambitionierten Ziele der EU zu erreichen. Eine Pflicht, beispielsweise die PV-Pflicht auf privaten Gebäuden, lehnte Berg entschieden ab. Solange die öffentliche Hand keine Vorbildfunktion eingenommen und eine solche Pflicht für die eigenen Liegenschaften eingeführt habe, könne dies nicht von den Bürgerinnen und Bürgern verlangt werden, so Berg.
 
Die Ergreifung von Klimaschutzmaßnahmen drängt, darüber waren sich alle Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer einig. Bei der Frage, welche Maßnahme unaufschiebbar sei, gingen die Meinungen auseinander. Während Hauck weitere Treffen zur Lösungsfindung anregte, schlug die Ministerin vor, dass jeder sein eigenes Verhalten überdenken solle. Diehl forderte mehr Weitblick in der gesamten Debatte und Stahnke wünschte sich, dass die nächste Generation stärker für nachhaltige Architektur sensibilisiert werde.
 
Text: Maria Balzert