Christiane Thalgott; Foto: Iris Maurer

Christiane Thalgott sprach über die Gerechtigkeit und Achtsamkeit im Umgang mit dem Boden und forderte eine stärkere Beachtung des Gemeinwohls

Das schnelle Wachstum der Städte in Deutschland führt immer häufiger zur dramatischen Verknappung und Verteuerung von Bauland und Wohnraum. In ihrem Vortrag „Boden_ los – schafft ein soziales Bodenrecht mehr Gerechtigkeit und  Achtsamkeit im Umgang mit dem Boden?“ ging Prof. Dr. Ing. E. h. Christiane Thalgott auf Einladung der Stiftung Baukultur Saar im VHS-Zentrum am Schloss in Saarbrücken der Frage nach, warum Wohneigentum für die übergroße Mehrheit der Bevölkerung unerschwinglich geworden ist. Die Architektin und Städtebaurätin i. R. bezog klar Position und berief sich dabei auf einen Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes aus dem Jahr 1967: „Die Tatsache, dass der Grund und Boden unvermehrbar und unentbehrlich ist, verbietet es, seine Nutzung dem unübersehbaren Spiel der Kräfte und dem Belieben des Einzelnen zu überlassen [...]“ Doch seit diesem Beschluss, kritisierte Thalgott, habe der Gesetzgeber dafür nichts getan.


Als „sehr komplex und als eine ausgesprochen schwierige Gemengelage“ bezeichnete Thalgott den Zusammenhang von Boden, Mieten, Gerechtigkeit und Gesetzeslage. „Man weiß, dass man den Boden nicht vermehren kann wie Autos oder Schweinehälften – Boden, Luft und Wasser sind unsere Existenzgrundlage, sie sind Allgemeingut, aber keineswegs kostenlos“, betonte Thalgott. Klimawandel, Wasserknappheit und die Verschmutzung der Meere haben dramatische Folgen. „Wir haben die räumlichen, ökonomischen, ökologischen und sozialen Nutzungskonkurrenzen jeden Tag vor uns und müssten endlich handeln“, appellierte die Architektin.

Das Thema Bodenrecht, das schon Philosophen und Theoretiker wie Aristoteles oder Rousseau beschäftigte, ist heute aktueller denn je. „Denn Wohnungen sind Wirtschafts und Sozialgut. Doch in den Städten sind sie zu angemessenen Preisen nicht mehr zu haben“, erläuterte Thalgott die Problematik und forderte: „Wohnen sollte als gesellschaftspolitisches Ziel für jeden bezahlbar sein!“

Etwa 30 Prozent des Einkommens werde als angemessene Ausgabe angesehen. Damit jedoch ist am Wohnungsmarkt längst kein Staat mehr zu machen. Betroffen sind insbesondere die Jüngeren, die wegen der hohen Mieten keine Chance haben, Vermögen zu bilden. Der Boden sei heute eine Handelsware. Große Bestände seien privatisiert und würden international hoch gehandelt werden. „Wer es schlau anstellt, macht mit Immobilien 12 Prozent Rendite“, weiß Thalgott. Eine Praxis, die dem Gerechtigkeitsgefühl in vielfacher Weise widerspricht.

Das Bodenrecht sei nach dem Crash der „Neuen Heimat“ 1982 und der Abschaffung der Gemeinnützigkeit 1989 „misshandelt“ worden. „Die Politik hat für ein Linsengericht das öffentliche Vermögen verscherbelt.“ Ein Gegensteuern sei nur bedingt möglich. Wo Neubauten vorgesehen sind, könnten Regeln aufgestellt werden. Doch wenn – wie in 50 Prozent der Fälle – im Bestand gebaut wird, gehe das nicht. „Denn wo die Stadt nicht Eigentümerin ist, kann sie auch nicht steuern“. Hauskäufer seien alt, reich und kinderlos. Eine kleine Gruppe besitze viel Eigentum, 60 Prozent der Bevölkerung gehe leer aus.

Was kann getan werden, um für eine gerechtere Verteilung zu sorgen? Nach Meinung Thalgotts tun neue Regeln Not. Ein Lösungsansatz könne, wie in Basel, die Vergabe von Nutzungs- statt Eigentumsrechten sein. Auch könne man Investoren stärker dem Gemeinwohl verpflichten. Darüber hinaus müsse sich die gesamte Gesellschaft sehr viel mehr mit der Qualifizierung von Freiflächen und Grünanlagen auseinandersetzen. Man könne auch durchaus das private Parkrecht im öffentlichen Raum in Frage stellen.

Jeder Einzelne könne dazu beitragen, die Lebensqualität in den Städten zu erhöhen. Hier hat Christiane Thalgott ganz praktische Anregungen: Gartenarbeit statt Fitness-Studio, blühende Vorgärten statt pflegeleichten Schotterwüsten.

Text: Iris Maurer